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Auch in diesem Jahr wird es in der Heiligen Nacht einen Ansturm geben. Zumal in Großstädten wie München, Mailand oder Wien, wo das religiöse Leben ähnlich wie im Hochmittelalter noch als lebendige Kraft erfahren werden kann, füllen sich die Gotteshäuser mit einem Gemisch aus Überzeugungs-, Gewohnheits-, Taufschein- und Gefühlschristen. Seelsorger erkennen die Konturen der Augenblicksherde am Verhalten: etwa wie sich die „Schäfchen“ kleiden und im Kirchenraum bewegen; wie sie sich beim Kommuniongang benehmen, den die meisten mittlerweile für eine Solidaritätsgeste halten.

In diese Szenerie hinein erklingt – nicht selten tatsächlich gesungen – das Evangelium der Vigil von Weihnachten nach Lk 2,1-14. Martin Walser (1927-2023) bezeichnete es 2012 als den „wichtigsten Text, der verfaßt“, zwei Jahre später als „die schönste Geschichte, die je geschrieben wurde“. Völlig richtig erfaßte der Schriftsteller, daß es dabei nicht um einen einzelnen Satz oder Moment, nicht um die „schönste Stelle“ geht, sondern „ums Ganze“. Auch der christlichen Alltagsvollzügen Entfremdete spürt intuitiv, daß die Erzählung von Jesu Geburt kein Märchen aus dem Morgenland ist. Eingebettet in die politische Geschichte des Römischen Reiches, spricht sie offenbar jeden Menschen an, nicht nur unbedeutende Hirten „auf freiem Feld“ oder x-beliebige Gottesdienstbesucher.

Die „große Freude“, die dem „ganzen Volk zuteil werden soll“, besteht in der Kunde, daß „der Retter“ angekommen, das heißt in die Universalgeschichte eingegangen ist. Dieser ist „der Gesalbte, der Kyrios“ (Lk 2,10 f.) – nicht Kaiser Augustus, nicht Xi Jinping, nicht Trump, nicht Putin, erst recht nicht Winterkönig Friedrich Merz. Einzig der Neugeborene zu Betlehem ist von Gott zur umfassenden Herrschaft eingesetzt und legitimiert. Erkennungszeichen seiner Herrschaft ist nicht strukturelle Mehrheit, Exekutivmacht oder Kriegstüchtigkeit, sondern die Ohnmacht eines Kindes in Windeln.

Gott offenbart sich als Ironiker. Während alle Welt sich an Potentaten orientiert, sie wichtig nimmt und hofiert, gibt er nur jenen auf den billigen Rängen zu erkennen, daß er mit diesem Kind einen Umsturz einleitet. Eine niedrige Magd erwählt er, um seine Idee zur Welt zu bringen. Die Mächtigen stürzt er vom Thron, indem ihr Mummenschanz und Gehabe zumindest durchschaubar wird, die Niedrigen erhöht er (Lk 1,48.52) – jene „Umwerthung aller antiken Werthe“, die Nietzsche und seine Epigonen als priesterlichen „Haß inʼs Ungeheure“ psychologisieren und am Christentum so abgrundtief hassen. Sie verschafft der katholischen Kirche „soviel Demokratie …, daß ohne Rücksicht auf Stand und Herkunft der letzte Abruzzenhirt … die Möglichkeit hat“, Papst zu werden (Carl Schmitt).

Sosehr das Evangelium stets aufs neue anrührt, so sehr sind wir Genossen unserer Zeit. Mit Recht wird die Gottesgeburt als Ermutigung zum Leben verstanden, auch als Ja zum Kind. Doch die Industrienationen, zu denen Österreich und Deutschland (wie lange noch?) gehören, haben seit Jahrzehnten zusammengefaßte Fertilitätsraten von nur knapp über 1. In Südkorea lag die Rate letztes Jahr bei 0,7. Was bedeutet, daß von heute lebenden 100 Südkoreanern nach drei Generationen nur mehr fünf Nachfahren übrig sein werden. Wenn es kein massives Gegensteuern gibt (wie zum Beispiel in Ungarn), läßt sich vorhersagen, wann die Südkoreaner trotz ausgerufenen nationalen Notstands, aber auch die Deutschen, die Österreicher, die Schweizer, die Italiener aussterben werden.

Darüber spricht niemand. Wer jenseits des Staatsbürgerschafts- oder Völkerrechts (letzteres wird schon von manchen Juristen auf Individualrechte reduziert) von Völkern, gar – wie die Präambel des Grundgesetzes – vom deutschen Volk spricht, wird des „ethnisch-völkischen“ Denkens geziehen. Millionen von vorgeburtlich beseitigten Kindern, die keine Nachfahren haben und die „Rentenlücke“ nicht schließen können, verschärfen die demographische Katastrophe. Diese wird nur in Form des sogenannten Fachkräftemangels thematisiert. Die „Lösung“, welche die internationale Linke einschließlich Christdemokraten für das Problem anbietet und seit Jahrzehnten durchzieht, heißt „Einwanderung“. Ein Etikettenschwindel. Denn Einwanderung setzt legale Einreise, Qualifikation, Auskommen und Anpassungsbereitschaft voraus. Auf das Millionenheer illegal eingereister Immigranten trifft dies alles nicht zu.

Hierzulande hat der sich wechselseitig bestätigende Medienkomplex im Verein mit linken politischen Kräften wochenlang über „ein Problem im Stadtbild“ diskutiert. Das wahre Problem wurde durch Merzens Begriff ästhetisiert und verharmlost. Während das Verschwinden der Autochthonen Tag für Tag voranschreitet, führt man Hypermoraldebatten über Sprachbilder und Rhetorik. Ein gewaltiges Ablenkungsmanöver.

Hinzu kommt: Sexualerziehung konzentriert sich seit vielen Jahren darauf, wie man möglichst früh „Spaß“ haben kann, ohne daß Kinder entstehen. Wie man Kinder bejaht und erzieht, wird nicht gelehrt, am wenigsten in der Schule. Da heute mehr als die Hälfte der inflationär erzeugten Abiturienten studiert, wird der still schlummernde Kinderwunsch auf die Zeit (weit) nach dem späten Berufseinstieg verschoben. Hat man jahrelang „verhütet“, will es mit dem Kinderkriegen oft nichts werden. Andere sind von vornherein unfruchtbar, Tendenz steigend. Viele wollen Kinder, würden auch gern heiraten, finden aber den geeigneten Partner nicht. Christen haben es hier besonders schwer.

Je weniger Kinder es gibt, desto mehr fallen sie auf – als Störfaktor, als verhaltensgestört. Wir hören sie schreien, aber nicht singen. Damit sie still geben, überläßt man bereits Einjährigen das Handy zum Glotzen, Wischen und Abstumpfen – ideale Voraussetzung dafür, im Erwachsenenalter als konformistischer Arbeitssklave dienen zu können. Auf den Spielplätzen wird jeder Schritt des (meist Einzel-)Kindes beäugt, kommentiert, korrigiert. In den Schulen hält man die Kinder bis abends gefangen, damit ihre Eltern anderswo zusammen das erwirtschaften können, was in den 1970er, 80er Jahren ein Elternteil allein verdiente. Eine Familie mit drei oder mehr Kindern zu haben, gilt als durchgeknallt und steigert im „stahlharten Gehäuse“ kapitalistischer Hörigkeit (Max Weber) das Armutsrisiko.

Erfahrungen, Fehler machen, fernab von Erwachsenen etwas erkunden, erproben, spielend und balgend die Kräfte messen, bis die Nacht anbricht – all das verhindert ein hypertroph gewordenes, effeminiertes Pädagogiksystem. Aber „Gott, der Reinfreie, will nur Freie erziehen; der Teufel, der Reinunfreie, will nur seinesgleichen“, schrieb Jean Paul.

Wie und in welchen Institutionen sollen unfreie Kinder, einmal erwachsen geworden, das schätzen und weitergeben, was wir europäische Kultur nennen?

Vielleicht ist es noch nicht zu spät. Erst dieser Tage war ich zum zweiten Mal Zeuge eines Klavierwettbewerbs am Erzbischöflichen Gymnasium St. Ursula in Brühl. Gut zwanzig Gymnasiasten im Alter von elf bis 17 Jahren spielten vor großem Publikum klassische Musik vor. Das Niveau war teils atemberaubend, auch bei den Jüngsten. Eine Jury wählte die Besten aus und vergab Preise, verbunden mit vierstelligen Fördergeldern, die es Vätern und Müttern erlauben, den Musikunterricht ihrer Kinder über Monate zu finanzieren. Dies alles ermöglichte die in Würzburg angesiedelte Serapionsstiftung, die es sich zur Aufgabe macht, Literatur, Wissenschaft, Musik und Kunst zu fördern. Wer die Begeisterung, den Mut und die Fähigkeiten all dieser Kinder erlebte, spürte mit der gleichen Intuition wie die weihnachtlichen Gottesdienstbesucher, daß noch nicht aller Tage Abend ist.

Nicht um ein Volk am Leben zu erhalten, sagen Erwachsene ja zu Kindern. Aber wenn Mann und Frau Kinder annehmen als Geschenk, besser: als Leihgabe Gottes, dann wird auch ein Volk weiterleben. Der Staat hat nur die Rahmenbedingungen zu schaffen, nicht mehr, nicht weniger. Daran zu erinnern wird auch 2026 eine dringliche Aufgabe sein.

Wolfgang Hariolf Spindler