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Wenn Epiphanie vorüber ist und die als Heilige Drei Könige bekannten Orientalen „auf einem anderen Weg“, als sie hergekommen, „heim in ihr Land“ (Mt 2,12) gezogen sind, übernehmen die Narren das Kommando. So fühlte sich gleich am 7. Januar auch ZdK- und CDU-„Genosse Günther“ (Markus Söder) aus der Karnevalshochburg Kiel aufgefordert, die große Bazooka herauszuholen und für Stimmung zu sorgen. Wie zu Zeiten ihres „Erfinders“, Sergeant Robert Burns, erwies sich das Instrument in der Hand des amtierenden Grünkohlkönigs der Stadt Oldenburg und Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein als Abwehrwaffe; hier gegen die rollenden Panzer der freien, nicht gebührenfinanzierten oder staatlich alimentierten Medien, allen voran „Nius“. Dieser Berliner Radio- und Youtube-Tank bezeichnete der Träger des Karnevalsordens wider den tierischen Ernst des Jahres 2024 ernsthaft als „Feind der Demokratie“. Auf erstauntes Nachhaken von Talkshow-Gastgeber Markus Lanz („Okay, also was Sie … sagen, ist im Grunde: wir müssen das [!] regulieren, … notfalls zensieren und im Extremfall sogar verbieten?“), nachdem Günther gefordert hatte, gegen „diese Medien“ und „solche Portale“ vorzugehen, antwortete er schlicht mit „ja“. Dieses Ja konnte sich nur auf das gerade Besprochene (Regulieren, Zensieren, Verbieten), nicht auf später folgende Gegenstände beziehen. Als Günther dämmerte, daß er soeben das Grundrecht des Art. 5 Abs. 1 Satz 2 und 3 GG („Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“) zurückgewiesen, mithin sich verfassungsfeindlich geäußert hatte, wollte er die Bazooka wieder einholen. Stotternd kam er auf das bereits abgehandelte Thema, ein Verbot von Social Media für Jugendliche unter 16 Jahren, zurück. Doch das Geschoß war schon abgefeuert. Was folgte, war ein bis in die Gerichtssäle getragener Skandal. Getreu dem Motto „Mit dem Zweiten lügen Sie besser“ versuchte Lanz am 14. Januar seinem Millionenpublikum weiszumachen, Günther habe nicht „Nius“ und Co. den Kampf angesagt, sondern nur jugendgefährdenden Social Media. Mit Hilfe der Propagandatechnik des Gaslighting sollten Studiogast Beatrix v. Storch MdB, die auf Günthers Ausfälle eingegangen war, und die Zuschauer an ihrer Fähigkeit zweifeln, die Wirklichkeit wahrzunehmen. Der nackte Kaiser sollte neue Kleider tragen.

Die Methode, den Leuten auszureden, was sie selbst gesehen, gehört, erlebt haben, sprich: sie zum Narren zu halten, kennt man von Despotien wie der DDR. Spätestens seit „Corona“ ist sie wieder geläufig. Papst Leo XIV. bedauerte am 9. Januar vor dem Diplomatischen Korps, „daß insbesondere im Westen der Raum für echte Meinungsfreiheit immer mehr eingeschränkt wird, während sich eine neue Sprache mit Orwellschem Beigeschmack entwickelt“. Zwar bezog er sich damit auf inklusionsideologische Sprachpolitik. Aber auch die in Politik und Medien tonangebende Mischpoke versteht es, „diejenigen auszuschließen, die sich nicht den Ideologien anpassen, von denen sie beseelt ist.“

Sucht man nach den Wurzeln jenes Denkens, das Günther und Konsorten eignet, muß man weiter zurückgehen: ins frühe 19. Jahrhundert. Ein anschauliches Beispiel bietet die Gesetzgebung des Königreichs Württemberg. Dieses war 1806 von Napoleons Gnaden aus dem drei Jahre vorher zum Kurfürstentum erhobenen Herzogtum Württemberg gezimmert worden, dem man Reichsstädte wie Heilbronn und geistliche Territorien wie die Fürstpropstei Ellwangen zwangseinverleibt hatte. So sah sich das „Polizei-Ministerium“ gemäß „Staats- und Regierungs-Blatt“ vom 4. Februar 1809 „Höchstens Orts“, also vom protestantischen König Friedrich, beauftragt, „sämtliche Unterthanen … auf das Unschickliche und leicht in das Gefährliche Ausartende der seit einiger Zeit so allgemein werdenden Gespräche über politische Gegenstände, Verhältnisse der höchsten Mächte gegeneinander u. s. w. aufmerksam zu machen, und davor zu warnen. Es wird keinem vernünftig Denkenden entgehen, wie wenig solche, die öffentliche Ruhe und Ordnung stöhrende, beinahe immer auf unrichtige, schiefe Angaben und Beurtheilungen gegründete Geschwäze mit den Pflichten ruhiger Bürger und guter Unterthanen vereinbarlich sind.“ Weshalb es „die höchste Würde“ der Regierung und ihre Beziehungen zu anderen Staatsregierungen erforderten, „unnüzen und unbedachtsamen Schwäzern Ziel und Mas zu setzen und da, wo äußerste Ungereimtheit an Bosheit grenzt, zu züchtigen.“

Was richtig oder falsch, vernünftig oder gefährlich ist, das entscheidet das Oberhaupt respektive die Regierung, nicht der Untertan. Ebenso, worüber gesprochen und was wie geschrieben wird. „Wir“ müssen uns „zusammenschließen, um uns gegen solche Exzesse auch zu wehren“ (Günther).

Zuchtgenossen hat man sich als beschränkt gebildete Biedermänner vorzustellen. Die Voraussetzung von Demokratie – freie Informationsbeschaffung, freie Meinungsbildung und -äußerung, Austausch der Argumente unabhängig von der Richtigkeit vorletzter Dinge, über die kein Wahrheitsministerium wachen kann – und ihr Wesen, die Identität von Regierenden und Regierten, sind ihnen fremd. Auf den Rechtsweg zu verweisen ist ihnen Rechtsstaat genug. Recht begreifen sie als Waffe. Wie Benedikt Carpzov, dem großen Hexenverfolger, gilt ihnen jeder Verstoß als Auflehnung. Auf die (zuvörderst von den USA) gedrehten Verhältnisse finden sie keine andere Antwort als die der Repression. Von den linksgrünschwarzen Traumwelten wird zwar außer deindustrialisierten Zonen nichts bleiben. Aber verzweifelte Lust der Macht endet erst post cohabitationem.

Das Königreich Württemberg wußte mit seinen katholischen Neubürgern wenig anzufangen; vice versa. Die subversive Fastnacht, im Lebensgefühl der Katholiken fest verankert, erkannte es als Gefahr. Es erklärte öffentliche „Volkslustbarkeiten“ als verboten, Narrenzünfte und Narrengerichte als „unstatthaft aufgehoben“.

Da sich Karneval und Fastnacht längst dem Stumpfsinn der Politikgenossen unterworfen haben (vgl. Editorial Februar 2025), bedarf es solcher Verbote nicht mehr. Lachen muß man trotzdem, will man nicht weinen.

  Wolfgang Hariolf Spindler