Thiel, Thelen und der Antichrist
Editorial aus dem neuen Heft 2 (April) 2026
„Cave idus martias – nimm vor des Märzens Idus dich in acht!“ lautet des Wahrsagers Warnung an Gaius Iulius Caesar, nachempfunden in Shakepeares gleichnamiger Tragödie. Doch der Machtverwöhnte schlägt sie in den Wind. Sechzig Verschwörer nutzen 44 v. Chr. unter der Führung von Marcus Iunius Brutus und Gaius Cassius Longinus die Senatssitzung im Theater des Pompeius und meucheln den großen Feldherrn und Diktator auf Lebenszeit.
Aber gibt es überhaupt Verschwörer? Ist davon zu reden nicht pure Verschwörungstheorie? Nun, die Erfahrung – auch der jüngsten Geschichte – lehrt, daß zwischen Verschwörungstheorie und Verschwörungspraxis oft nur wenige Jahre oder Monate liegen. Bisweilen nur Wochen. Die RKI-Files etwa – wer es wissen will, lese! – haben gezeigt, daß die Coronamaßnahmen-Kritiker mit ihrer These der politischen Steuerung der angeblich nur „der“ Wissenschaft verpflichteten Behörden recht hatten. Und durch die Epstein-Files, eine jüngst vom US-Justizministerium teilveröffentlichte Sammlung von Millionen von Dokumenten, Videos und Photos, „bestätigten sich jahrelang diskutierte Vermutungen, daß Epstein zentraler Akteur eines großen Netzwerks war, das Frauen und minderjährige Mädchen systematisch vergewaltigte und sexuell mißbrauchte“, schreibt selbst die für ihren Linksdrall bekannte Wikipedia-Enzyklopädie. Übrigens war der Studienabbrecher, Lehrer und Vermögensberater Jeffrey Epstein auch in ein seit den 1990er (!) Jahren sich ausspannendes Netzwerk zur Pandemie-„Vorsorge“ verwickelt, selbstverständlich nur aus philanthropischen Motiven. 2017, drei Jahre (!) vor Covid-19, tauschte er sich mit Bill Gates und Boris Nikolic (Biomatics Capital) über Pandemien als „Schlüsselbereich“ (key area) von Donor‑advised‑fund‑Strukturen und über Impfstoff-Entwicklung als Karrierevorteil aus. Wer hier immer noch von wilden Verschwörungserzählungen und „Aluhut“-Trägern schwadroniert, will betrügen, beschönigen oder vertuschen.
Die Epstein-Dokumente erlauben zwar keine moralischen oder strafrechtlichen Schnellschüsse; Bilder, E-Mails, Nachrichtenschnipsel sind vieldeutig und interpretationsbedürftig. Sie lassen aber erkennen, daß es Agenten und Genießer des Bösen gibt, die sich als Helfer und Menschheitsbeglücker gerieren. Eine (gerade hierzulande) langanhaltende naive Tradition von Aufklärung und Wissenschaftsgläubigkeit stellt sich gern als Licht gegenüber finsteren Kräften – vor allem der katholischen Kirche – dar. Sie hat in den Köpfen festzementiert, daß es das Böse und erst recht den Bösen gar nicht gebe. Der Mensch sei in sich gut, wenn auch unvollkommen. Man müsse ihn nur zum Guten ermuntern und erziehen, dann werde sich schon alles richten. Aufklärungstrunken hat die moderne Theologie vor Jahrzehnten „Abschied vom Teufel“ (Herbert Haag) genommen und etwa die biblischen Zeugnisse vom exorzistischen Handeln Jesu mit Hilfe der „historisch-kritischen Methode“ ins Sagenreich verbannt oder tiefenpsychologisch umgedeutet. Das Bonmot, daß der genialste Streich des Teufels darin besteht, die Menschen glauben zu lassen, es gäbe ihn nicht, trifft den Nagel auf den Kopf. Der Teufel (griech. diábolos) hat seinen Namen vom Durcheinanderwirbeln. Wo sich Menschen nicht mehr ihrer Religion, ihres Verstandes, der Logik und vor allem der sittlichen Tugenden bedienen, sondern heute dies und morgen das Gegenteil sagen und tun, betreiben sie – zumal in der Politik – sein Werk und laden große Schuld auf sich. Solche Typen mit Pinocchio zu vergleichen würde Collodis grundsympathische Erzählfigur grob beleidigen.
Des Teufels Generale und Soldaten sind viele auf Erden. Aber nur einer wird dereinst den Widerpart Christi geben, den Antichrist. Nach der Heiligen Schrift ist er der „Mensch der Gesetzwidrigkeit“, der „Sohn des Verderbens“, also die endzeitliche Inkarnation des Bösen. Sein sichtbares Erscheinen markiert die Antiparallele zum ersten Erscheinen Christi auf Erden. Das macht ihn so gefährlich attraktiv. Aber diese apokalyptischen Ereignisse laufen nicht willkürlich ab, sondern nach einem klaren Tagma, einer Reihenfolge, an deren Ende der Sieg Christi durch sein zweites und letztes Erscheinen feststeht (2 Thess 2,3-12).
Daß nun ausgerechnet ein Epstein-Vertrauter aus den USA, der deutschstämmige Unternehmer Juris Doctor Peter Thiel, seit ein paar Jahren vom Antichrist spricht und vor den Iden des März nach Rom kam, um dort vor erlauchtem Publikum über „Antichrist und Apokalypse“ unter besonderer Berücksichtigung von Carl Schmitt zu dilettieren, amüsiert eher. Halten ihn doch manche selbst für den Antichrist. Dazu fehlt Thiel indes das Zeug, auch wenn er mit PayPal, Facebook (Meta) und Palantir Instrumente der totalen Überwachung geschaffen hat, die verhindern zu wollen der „Paläolibertäre“ vorgibt, und mit seinem öffentlichen Bekenntnis, „stolz“ auf sein „Schwul-Sein“ zu sein, genau jenes „woke“ Verhalten an den Tag legt, das er angeblich bekämpft. Ähnlich wie Schmitt säkularisiert Thiel die Apokalyptik, nur stümperhafter. Justament in den Tech-Vorreitern des Silicon Valley Katechonten, das heißt Aufhalter (vgl. 2 Thess 2,5 ff.), zu sehen, das verkehrt die Schrift ins Gegenteil. Da war Schmitt näher am Thema, wenn er 1916 das Grausige des Antichrist darin erblickte, daß dieser „Christus nachzuahmen weiß und sich ihm so ähnlich macht, daß er allen die Seele ablistet. Er wird sich freundlich, korrekt, unbestechlich und vernünftig zeigen, alles wird ihn als Glück der Menschheit preisen und sagen: ein großartiger und gerechter Mensch!“
Das alles ist Geschichtstheologie. Der gläubige Sozialethiker nimmt den Impuls auf, bleibt aber „wach und nüchtern“ und hütet sich vor Leuten, die „Frieden und Sicherheit“ predigen (1 Thess 5,1-6), tatsächlich jedoch Kriege anzetteln, verniedlichen oder – wie in der Ukraine und im Nahen Osten – verlängern. Er weiß, daß es auch ein Leben und Zusammenleben vor dem Tod gibt. Dieses klug und möglichst gerecht, etwa mit Hilfe von bewährten Institutionen wie Ehe (nicht für alle), Familie und privatwirtschaftliche Ordnung zu gestalten, erscheint ihm herausfordernd genug. Als Realist, der auch die Schönheit des Lebens im Blick behält, singt er mit Kurt-Adolf Thelen: „Am 30. Mai ist der Weltuntergang, wir leben … nicht mehr lang. Doch keiner weiß, in welchem Jahr, und das ist wunderbar“.
Wolfgang Hariolf Spindler