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Anno salutis 2026 noch vom Heil zu sprechen, fällt schwer. Zu viele Heilsbringer hat man schon kommen und gehen sehen. Die vorerst schlimmsten traten im 20. Jahrhundert auf. Die einen verkündeten in diabolischer Verdrehung (vgl. Editorial vom April 2026) von Apk 20,5 ein 1000jähriges Reich; nach 12 Jahren ging es mitsamt Millionen Menschenleben zugrunde. Die anderen versprachen den „neuen Menschen“ und den Himmel auf Erden; was kam und im neuen Kleid wieder zu kommen sich anschickt, ist die Knechtschaft des Kommunismus mit seiner Gleichmacherei, seinem Zentralismus, seiner Mangelwirtschaft. Was sie eint, ist die Gottlosigkeit.

Auch wenn in Gottesdiensten mitunter Bibelauszüge durch Gefälliges ersetzt werden – unausrottbarer Klassiker bei Trauungen „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry –, hat man die Heilige Schrift und damit das Wort vom Heil noch nicht ganz verdrängen können. Jeder Geistliche, der das Evangelium vorträgt, klagt sich selbst an, besonders, wenn er es dann in der Predigt unter Zuhilfenahme einstudierter Gesten in sein Gegenteil verkehrt.

Immer wenn vom Heil oder vom ewigen Leben die Rede ist, geht es ums Ganze. Doch auf die Idee, wie der reiche Jüngling zu fragen, was zu tun sei, „um das ewige Leben zu gewinnen“ (Mk 10,17), kommen heute nur wenige. Die Alltagsfreuden der Mediennutzung, des Sports, des Geschlechtlichen haben viele so fest im Griff, daß die Horizonterweiterung ins Transzendente unterbleibt. Mitraphoren und Bäffchenträger(innen) betätigen sich mit Green Agenda und notorischen Kirchenstrukturdebatten immanenzversteifend. Jesu Antwort auf die verdrängte Frage verblüfft: Notwendig ist zunächst, die Zehn Gebote zu halten. Doch über das Notwendige hinaus muß der Mensch alles lassen, was ihn hindert, „einen bleibenden Schatz im Himmel“ (10,21) zu erwerben. Im Falle des Mannes, dessen Name wir nicht kennen, ist es das Kleben an der Habe. Jesus fordert ihn auf, freiwillig sein Vermögen aufzugeben – was nicht zu verwechseln ist mit der überbordenden Tendenz, vom Fiskus ausgenommen zu werden. Nicht, um ihn zu entmutigen. Vielmehr weil er ihn auf einen Blick liebgewonnen hat (10,21), gibt er ihm den entscheidenden Anstoß, über sich hinauszuwachsen. Wenn für Gott „alles möglich“ ist (10,27), dann mit seiner Hilfe auch, daß der Mensch sein individuelles Potential zur Teilhabe am Reich Gottes (10,25) ausschöpft. Kein irdisches Gut kann ihn dann noch abhalten, in der Nachfolge Christi zugleich seiner Bestimmung zur Ewigkeit nachzukommen.

Es geht nicht um grenzenlosen Altruismus oder Aufgabe seiner selbst, wie gutmenschliche Verschärfer meinen. Man darf durchaus einen Lohn im Jetzt, zumal ein gutes Gewissen, und erst recht am Ende das ewige Leben erstreben. Aber man muß eben genau das ablegen, was einen am meisten behindert. Bei dem Mann aus dem Evangelium war es sein Eigentum, denn er „hatte ein großes Vermögen“ (10,22). Bei anderen kann es etwas anderes sein. Mitnichten muß jeder Hab und Gut aufgeben und „ins Kloster gehen“. Für das ganze Alte Testament wie auch für Christus sind Besitz, Eigentum, ja selbst Reichtum nicht in sich schlecht. Schlecht werden sie erst, wenn man daran klebt wie die Schmeißfliege am Kuhfladen; wenn man davon gefangengenommen ist und nicht mehr von der Weisheit gelenkt wird, die uns die Hierarchie der Güter erkennen läßt. Auch und gerade Neid kann einen hindern, frei zu sein. Ähnliche Hindernisse sind das ungeordnete Ausleben des Geschlechtstriebs, die Versklavung durch den Götzen Sex, die heute meist über das Internet geschieht und Hekatomben von Menschen zu einsamen Ipsisten erniedrigt, oder die Sucht nach Macht und Ansehen – Strebungen, die allzuleicht eskalieren und an die sichtbare Welt ketten. Es muß also jene Weisheit hinzukommen, die befähigt, Dinge sinn- und maßvoll zu besitzen, menschliche Triebe zu kultivieren und Macht über andere verantwortlich auszuüben.

Der Gier nach Reichtum, Eros und Macht entgegengesetzt sind die evangelischen Räte: freiwillige Armut, Keuschheit, Gottesgehorsam. Das Evangelium rät zu diesen Grundhaltungen, die je nach Berufung und Einsicht in eine Form des Ordenslebens münden können; das Evangelium schreibt sie aber nicht allen vor. Genausowenig die Kirche. Wir unterscheiden eine für alle geltende Gemeinethik von einer nur für Berufene geltende Vollkommenheitsethik. Zudem unterscheiden wir zwischen einer Individual- und einer Sozialethik. Die Zehn Gebote und die Weisungen beider Testamente richten sich an alle als einzelne. „Du sollst nicht morden, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen“ und so weiter (10,19). Das Du zielt auf das Individuum. Die Sozialethik hingegen fragt nach der naturgemäßen Ausrichtung einer Gesellschaftsordnung, die das Verhalten der einzelnen prägt und von diesen einzelnen wiederum beeinflußt wird.

All diese Unterscheidungen finden wir in der katholischen Soziallehre wieder. Pius XII. war nach seinem genialen Vorgänger und Zigarrenraucher Pius XI. der Papst, der sie mustergültig auf unterschiedlichste Lagen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik angewandt hat. Seine Seligsprechung ist überfällig, seine fehlende Anerkennung als „Gerechter unter den Völkern“ die Folge eines mit KGB-Material gefütterten Schmierenstücks, dessen Autor es später nicht verwinden konnte, daß ausgerechnet sein großer Meister, Ernst Jünger, zwei Jahre vor seinem Tod zum katholischen Glauben konvertierte.

Bürger des Reiches Gottes zu sein heißt nach Pius XII., schon hienieden „an seinem Wachstum arbeiten, seine Schätze auch denen erschließen, die noch nicht seine Glieder sind. Das besagt aber in unseren Tagen: ankämpfen müssen gegen Hindernisse und Widerstände …; daher ist heute mehr denn je ein offenes, mutiges Glaubensbekenntnis gefordert, Standhaftigkeit im Kampf, äußerste Opferbereitschaft“ (Antrittsenzyklika Summi pontificatus, 1939) „Gott kann alles: in seiner Hand trägt er das Glück und das Los der Völker ebenso wie die Pläne der Menschen; er vermag sie in Milde zu wenden, wie er es will. Selbst Hindernisse werden in seiner allmächtigen Hand zu Werkzeugen, um Dinge und Geschehnisse zu formen und den freien Entschluß der Herzen auf seine Ziele zu lenken.“

Wolfgang Hariolf Spindler