Wahlkampf im Vormerz
Editorial aus dem aktuellen Heft 1 (Februar) 2025
Gottes Vorsehung kennt keine Zufälle. Wie ein Künstler, sagt Thomas von Aquin, bringt Gott alles per ordinem sui intellectus, durch das (An-)Ordnen seines Verstandes hervor. So scheint auch gefügt zu sein, daß 2025 Fastnacht, Fasching, Karneval mit dem Bundestagswahlkampf in eins fallen. Der aus Sicht der Berufspolitiker ohnehin machtlose, widerspenstige, dumme Wähler (Abkürzung: m/w/d) hat darum das Nachsehen. Will er sich vom Gezänk der Parteisoldaten und ihren nervtötenden Denk- und Sprechschablonen etwa mittels sogenannter Prunksitzungen ablenken – und sei es nur via Fernsehgerät –, muß er gewahren, wie jene noch mehr als die letzten Jahre ihre Auftritte in närrische Versammlungen verlagern, um sich dort volksnah und spaßbereit zu geben. Willfährige „Präsidenten“ begrüßen sie dort applauserheischend – mit Ausnahme der Paria von der Alternativtruppe, wofern diese überhaupt den Saal betreten dürfen. Bei der fest in CSU- und SPD-Händen befindlichen „Fastnacht in Franken“ zu Veitshöchheim, einer, abgesehen von dem oberlehrerhaften Moralapostel Peter Kuhn, meist sehenswerten TV-Übertragung des Bayerischen Rundfunks, hatte man sie vor ein paar Jahren direkt vor die Big Band gesetzt. Womöglich flogen ihnen damals die Ohren weg. Was erklären würde, warum sie so ungehörig sind.
Die enge Tuchfühlung der vereinsmäßig organisierten Karnevalisten, Narren und Narrhalesen mit den gerade Herrschenden ist notorisch und übertrifft sogar die Staatsnähe der „orthodoxen“ Kirchen. Wie weit ihr Opportunismus gehen kann, zeigt die bis in die 1980er Jahre verdrängte Geschichte der Zünfte im „Dritten Reich“. Gewiß, die Nazis unterwanderten die Gesellschaften und übernahmen das Ruder mit Hilfe des zentralen „Bundes deutscher Karneval“. Dennoch bleibt die Frage, die sich heute nicht weniger als damals stellt: Ist je ein einzelner Jeck oder Narr gezwungen worden, bei der vom Mob beklatschten Verunglimpfung anderer oder der Inszenierung von Geschmacklosem mitzumachen? Man kann doch auch zu Hause bleiben, sich zurückziehen. Der Buchtitel der Erinnerungen des katholisch erzogenen FAZ-Herausgebers Joachim Fest (1926-2006) an seine Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus bringt es auf den Punkt: „Ich nicht“. Will heißen: Nicht mit mir!
Die exakt falschen Lehren aus der peinlichen Historie, wenn überhaupt, ziehen die sich „politisch“ gebenden Gratismutigen wie der Düsseldorfer „Karnevalswagenbau-Künstler“ Jacques Tilly. Trump, Putin, AfD – stets sehen sich diejenigen angeprangert, ja dämonisiert, die von den Machthabern in Politik und Altmedien abgelehnt und ausgegrenzt werden. Reagiert dann mal jemand mit spiegelbildlich ausfälliger Kritik, per E-Mail etwa, jammern die Kritisierten öffentlich. Und klopfen sich für ihre „Zivilcourage“ auf die eigene Schulter.
Wenn der werte Leser dieses Heft in Händen hält, hat er schon einiges überstanden. Und es mag ja doch seinen Reiz haben zu beurteilen, wer der größere Jeck ist: der Politiker, der sich zum Narren, oder der Narr, der sich zum Politiker macht. Der Verdrehung der Verhältnisse ist nicht zu entkommen. Sie gehört zum Wesenskern der Phase vor der vierzigtägigen Fastenzeit (vgl. Editorial 1/2024). Leider kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß viele Protagonisten der politisch-medialen Symbiose das ganze Jahr über verrückt spielen. Oder sind.
Es steht zu befürchten, daß sich wieder keiner an das „Wahlkampf-Brevier“ (1980) unseres Redakteurs Wolfgang Ockenfels hält. Der hatte zu Zeiten der Bonner Republik angenommen, die Lüge sei „in der pluralistischen Demokratie fehl am Platz, sie ist kein geeignetes Täuschungsmittel mehr“, man könne mit Unwahrheiten nur noch in Diktaturen „mit Erfolg plakatieren“. Das erwies sich als zu optimistisch. Heute wirkt der Satz wie eine Beschreibung von Zuständen in „unserer Demokratie“, die von Demokratie zu unterscheiden ist.
Wenn am 23. Februar die Wahllokale schließen, um jene Ergebnisse hervorzubringen, die geübte Demokratiesimulanten zu ignorieren beabsichtigen, bleibt die tröstliche Aussicht auf zehn letzte Tage närrischen Treibens ohne Wahlkampfnarreteien. Womöglich gelingt es sogar, den Diskussionen der öffentlichen-rechtlichen Anstalten für betreutes Denken zu entgehen. Das hängt davon ab, ob man noch imstande ist abzuschalten – den Sinn fürs Geistlose oder/und den Fernseher. „Am Aschermittwoch bin ich verloren“, textete einst Franz Rüger. Das könnte aber schon am Wahlsonntag der Fall sein.
Das Verlieren und sein Ergebnis, der „Verlust“, stellen „ein Grundproblem der Moderne“ dar, so der Soziologe Andreas Reckwitz im gleichnamigen Buch (2024). Allerdings verwechselt er über weite Strecken, typisch spät-/postmodern, das gesellschaftliche Reden über Verlust („Diskurs“) mit tatsächlichem Verlust, also dem, was unwiederbringlich perdu ist. Bloß nicht kulturpessimistisch werden!
Frischer Wind weht derweil vom Atlantik herüber. Schon vor seiner Amtseinführung setzte der neue US-Präsident mitsamt Elon, dem Musketier, Akzente, die nicht weniger als eine Revolution einläuten: das Ende der Vorherrschaft der etablierten Medien und des globalen woke-Wahns. Was Journalisten hilflos als „erratische Ergüsse“ abtaten, etwa die Einladung an Kanada, 51. Bundesstaat zu werden (der „woke“ Premier Trudeau reichte sogleich seinen Rücktritt ein), die Drohung, den Panama-Kanal oder Grönland unter militärische Kontrolle zu nehmen, den Willen, den Wasserdruck zu erhöhen, der wie zum Beweis in Kalifornien aus „Klimaschutz“-Gründen fehlt, so daß Feuersbrünste kaum zu löschen sind, waren augenzwinkernde Themensetzungen. Sie sorgten für Aufmerksamkeit. Trumps neue USA bestimmen, worüber man spricht. Und was zu tun ist.
Hierzulande halten fast alle – Propaganda sei Dank (vgl. Editorial 6/2024) – Trump für einen Narren. Was, wenn er wirklich einer ist, aber im biblisch-karnevalesken Sinn? Einer, der uns den Spiegel vorhält; der, aus vielen Angriffen und Niederlagen gestärkt hervorgegangen, gerade die Deutschen ihrer Illusionen (Souveränität, Verteidigungsfähigkeit, Energiesicherheit, Exportüberschüsse etc.) beraubt? Wie sagt Paulus? „Keiner soll mich für einen Narren halten. Tut ihr es aber doch, dann laßt mich auch als Narren gewähren“ (2 Kor 11,16).
Wolfgang Hariolf Spindler